Bläserreise  PARIS / CEVENNEN – Verfolgung und Leben der Hugenotten

28 Reformierte von Borkum bis Göttingen machten sich am letzten Dienstag im August 2019   auf eine siebentägige Reise  durch Frankreich. Groß war die Vorfreude  beim Hugenotten – Gottesdienst in Mialet mitzuwirken. Jedes Jahr am ersten Sonntag im September treffen sich tausende Hugenotten aus ganz Frankreich um in den Bergen von Mialet unterhalb des „Musee du Desert“ am Abendmahls-wie Taufgottesdienst teilzunehmen. Aber zunächst führte die Spurensuche uns nach Paris, denn dort organisierten sich die Reformierten Anfang des 16.Jhdts. am Pre – aux -Clercs in St. Germain, einem geschichtsträchtigen Stadtteil in Paris.

1.Tag Montparnasse

Nach neunstündiger aber sehr angenehmer Busfahrt trafen wir nachmittags im Foyer Le Pont im Stadtteil Montparnasse, einem Künstler-und Studentenviertel ein. Unsere Unterkunft wird von der Rheinischen Kirche als Unterkunfts- und Begegnungszentrum betrieben.  Das Haus bietet thematische Führungen oder auch Themenabende und Begegnungen an. Nachdem wir  uns auf Empfehlung des Hauses im nahegelegenen Pizza Nelli für wenig Geld gut und reichlich gestärkt hatten, nutzen einige die Gelegenheit, die tolle Aussicht vom  Montparnasse-Tower bei klarster Sicht über ganz Paris zu genießen. Eine sehr coole Location mit tollem Blick auch auf den Eifelturm und nur einen Meter kürzer. Der Abend klang in gemütlicher Runde auf der Terrasse unserer Bleibe aus.

2.Tag Saint Germain

Nach dem Frühstück ging es am folgenden Tag mit der Metro  in den Stadtteil Saint Germain auf Erkundungstour. Fachkundig und sehr spannend erlebten wir eine dreistündige Führung, die an der Abtei Saint Germain am Denkmal des Keramikkünstlers,  Wissenschaft-tlers und Predigers  Bernard  Palissy startete. An diesem ehrwürdigen Ort, der früh als Ort der Humanisten galt,  wurde uns veranschaulicht, was die Hugenotten in Frankreich zu allen  Zeiten auszeichnete, nämlich ihr unerschütterlicher reformierter Glaube. Palissy hat im Viertel gewohnt und ihm wurde damals  wegen seiner Künste allerhand Ehren seitens  des Hofes  um Katharina von Medici zugedacht. Als er jedoch  öffentlich -wie viele andere Mönche – gegen die Katholische Kirche predigte, sollte er seinem Glauben abschwören. Nachdem er die Bartholomäusnacht zwar überlebt  hatte, wurde er einige Jahre später verhaftet und starb 1590 achzigjährig  in der Bastille. Wir betraten  die katholische Kirche St.Germain de  Pres mit ihrem verhältnismäßig eher wenig glitzernden Gottesdienstraum und einem sehr schlichten Andachtsraum, der die refomierten  Zusammenkünfte und Andachten zur Reformationszeit erspüren ließ. ( Foto 2: reformierter Andachtsraum in der kathol. Abtei St.Germain des Pres)

Die Rue Visconti – heimlicher Versammlungsort der Reformierten (Foto 3: Straßenschild)

Diese noch heute  wie im 16.Jahrhundert  sehr enge Gasse wurde als das „kleine Genf“ bezeichnet. In den Kellerverbindungen unterhalb der Grundmauern  der heutigen Häuser aus dem 18.Jh.fand  unter Haus Nr.4 ( eine reformiert- blaue Tür) 1555 die erste refomierte Taufe statt. Hier fand vom 25. bis zum 29.Mai 1559 heimlich die erste Nationale Synode statt, die die reformierte Kirche in Frankreich gründete. Calvin hatte einen ersten Entwurf des Glaubensbekenntnisses aus Genf mitgebracht. Eine  Sandstein-Buch-Skulptur erinnert an diese Zeit.  Einige Meter weiter findet man – dauerhaft in einem Geschäft sichtbar – die Überreste des Walls, den man in der Bartholomäusnacht  vom 23. auf den 24.August 1572 geschlossen hat, so dass es kein Entkommen während der Hochzeitsfeierlichkeiten des Hugenotten Heinrich von Navarra, als Henri der 4. König von Frankreich,  mit der Katholikin Margarete von Valois für die Hugenotten gab. Deshalb wird diese Hochzeit auch als  die „ Pariser Bluthochzeit“ bezeichnet.

Academie Francaise – gründet von einem Protstanten als „Institut Francaise“ ( Foto 4: Gruppe mit dem Institut, der heutigen Academie im Hintergrund)

Wir zogen weiter Richtung Louvre-Viertel, streiften aber zuvor auf dem noch diesseitigen Seine-Ufer die Academie Francaise, der französischen Gelehrtengesellschaft. Das „Institut“ ,gegründet von einem Protestanten, war von Kardinal Richelieu in die „Academie Francaise“ umbenannt, die u.a. bis heute mit seinen 40 auf Lebenzeit berufenen Gelehrten über die frz. Sprache wacht.  Als erster Minister Ludwig des XIV ( Enkel von Henri 4.) bekämpfte er die Sonderrechte der Hugenotten, die mit dem Edikt  von Nantes und Nimes über millitärische und verwaltungstechnische Macht verfügten und aus katholischer Sicht  als Staat im Staate galten, so entstanden starke Hugenottenstätte wie z.B. La Rochelle und Fontainblea

Louvre-Viertel  und  ref. Kirche Oratoire de Louvre (seit Napoleon reformiert) Foto 5 Denkmal Coligny Die Glocke des Louvre gab in der Nacht vom 23. auf den 24.August (Bartholomäustag)  1572 das Zeichen zur Massenermordung  der Hugenotten . So ging die Nacht der eigentlichen Hochzeitsfeierlichkeiten  als „Bartholomäusnacht“ in die Geschichte ein. Auf das Glockengeläut des Louvre folgt  die  Glocke der katholischen Saint-Germain l’Auxerrois-Kirche. Diese befindet sich in Sichtweite zur noch heutigen reformierten Kirche, dem „Oratoire de Louvre“ und  liegt an der seit 1972 umbenannten Straße „ Rue de l’Amiral de Cologny“.  Mitten in die Hochzeitfeierlichkeiten   hinein begann das Abschlachten von 3000 Hugenotten in Paris und schließlich in ganz Frankreich. Darunter war auch  der enge Vertraute Heinrichs von Navarra, u.a. Hugenotten-Admiral Coligny. Er wurde in seinem Haus, das sich etwa bei Haus-Nr. 136 in der heutigen  Rue de Rivoli nahe der reformierten Kirche befand,  in der Bartholomäusnacht ermordert, nachdem es zwei Tage zuvor bereits einen Attentatsversuch der Katholiken gegeben hatte.  Heinrich selbst überlebte. Das Coligny-Denkmal an der Reformierten Kirche „Oratoire de Louvre“ – in diesem Sommer 2019 restauriert – wurde 1889 mit öffentlichen Spenden durch Protestanten und Katholiken errichtet.

Henri 4. König von Navarra und Frankreich.  Reiterstatue auf der Pont Neuf und Gedenktafel unterhalb der Brücke (Foto 6 Reiterstatue auf der Pont Neuf)

1589 wurde Heinrich König von Frankreich, konvertierte zum Katholizismus, in der Hoffnung König aller Franzosen sein zu können und Versöhnung zu erlangen. In der Tat bescherte er seinem Land  90 Jahre lang eine Ära des inneren Friedens und Wachstums. Jedoch gab es 18 Attentatsversuche religiöser Fanatiker auf ihn und 1610  wurde er auf einer Reise  hinterrücks erstochen unterhalb der Pont Neuf erinnert eine Tafel an die Bartholomäusnacht.  Die Franzosen verehren ihren „ lieben und heiteren König Henri 4.“ bis heute.

Der letzte Nachmittag und Abend  in Paris

Nach diesen vielen Eindrücken der protestantisch-reformierten Geschichte der Franzosen, die wir auch Dank des Kinofilms von 2010 „HENRI 4“ – auf der Hinfahrt im Bus gesehen-  noch intensiver erleben konnten, hatten alle einen riesigen Appetit, die Wege trennten sich bis zur Bootstour abends auf der Seine ab Eifelturm für diverse eigene Unternehmungen. Ich hatte mir vorgenommen, das Grab von Jim Morisson aufzusuchen, dabei half eine kleine Gruppe – das war gar nicht so einfach, aber gelang. Andere zogen eine Bus-Stadtrundfahrt  mit vielen anderen Sehenswürdigkeiten vor oder einige gingen Shoppen. Unser Abend endete mit einer sehr empfehlenswerten Bootstour auf der Seine ( Foto 7: Eifelturm )

29.8. bis 1.September  Cevennen ( 2.9. Rückreise)

  1. Tag Weiterreise in die Cevennen nach Lasalle…wenn uns die Hugenotten hätten hören können

 Früh morgens starteten wir unsere Weiterreise durch die herrliche Landschaft der Bourgogne und schließlich dem Nationalpark Cevennen, der Landschaft, die erahnen lässt, dass sie gut geeignet war, sich vor Verfolgung zu verstecken. Wir kamen  gegen 17.30 in Lasalle an und fanden eine  wunderschöne Herberge  vor. Ein Bauernhaus, hoch gelegen aus dem 17.Jahrhundert, das auch heimlichen Predigten als Versteck gedient hatte. „Les fermes de rieumal“ umfunktioniert zu einer Herberge für Familienfeiern und Gruppen in alter cevennischer Architektur belassen. Jeder Raum war anders und besonders. Unsere „Reisenden Köche“ Meike und Dieter aus Schwerin waren schon längst da und begrüßten uns mit leckerem Essen. Es dauerte eben, bis alle fassen konnten an welch wunderbarem Ort wir die nächsten Tage leben würden.  ( Foto 8- unsere Herberge Les fermes di Rieumal und Foto 9: Proben in den Cevennen)

4.Tag  1.Probe auf dem Balkon  – Besuch des „ Musee du Desert“Konzertbesuch

Die Tage begannen wir mit dem Singen von Psalmen – da ist unsere CD „Sein Lob wird euch entflammen“ ein  wirklich toller Begleiter. Wenn uns die Hugenotten hätten hören können, die das damals an diesem Ort heimlich tun mussten…Und dann wurde für den Hugenottendienst in Mialet geprobt, draußen bei schönstem Wetter auf dem großen Balkon mit atemberaubender Aussicht . Wir wollten gut vorbereitet sein, notentechnisch hatten wir uns bestens auf den Marathon-Gottesdienst mit Taufen, Abendmahl und über 25 Liedern und Psalmen gerüstet- wir hatten einen echten Respekt vor dieser Veranstaltung und wollten auch bei der 2.Probe mit Michael Reger aus St. Hippolyte glänzen.

Nach dem Mittagessen besuchten wir also das „Museum der Wüste“, wie es in Anlehnung an die Flucht des Volkes Israel  genannt wird. Dort hatten wir eine deutschsprachige Führung gebucht , was sich als  sehr wertvoll erwies.  Eine junge Dame verstand es  ,uns vieles über das Leben in Verfolgung der Kamisarden  (Name der Hugenotten in Südfrankreich) nahe zu bringen. Ausgangspunkt bildete ein Gemälde von Luther’s  Auftreten beim Reichstag in Worms – Auslöser für die Reformation.  Bibeln so klein, dass man sie im Haarknoten verbergen konnte, Abendmahlsgeschirr zum Auseinanderbauen, Kanzeln aus alten Weinfässern, auch um diese bei Überfällen schnell verstecken zu können und eine Art Gottesdienstraum im Kellerversteck ließen ahnen, was man auf sich nahm, um seinen Glauben praktizieren zu können. ( Foto 10 im Museum) Es ist hier unmöglich, in Worte zu fassen, was wir gefühlt haben, als wir den Nachmittag im Museum verbracht haben. Den Kern des Museums bildet das Wohnhaus des Kamisardenführers , genannt „Roland“,  der 1704 mit nur 24 Jahren sein Leben durch Verfolgung und Ermordung ließ. Wir lernten übrigens auch, dass Kleidung aus Jeans nicht ursprünglich aus den USA kommen, sondern aus Nimes (Denim). Die Hugenotten trugen sie bereits im täglichen Leben.

Den Abend verbrachten wir in St. Hippolyte beim Konzert der Badener Bläserfreizeit zusammen mit  den „Embrassadeuren“, dem einzigen Posaunenchor Frankreichs, aufgebaut von Michael Reger, heilpädagogischer Erzieher,  der mit seiner Familie in Frankreich lebt.

5.Tag 2. Probe für den Gottesdienst

Zur Probe mit  Michael Reger dann am Samstagvormittag gab es einen Überraschungsgast.  Monika Hofmann von Brass for Peace  in Bethlehem und Professorin aus Herford unterstützte uns im Bass. Nach zweistündiger Probenarbeit mit Warnhinweisen, dass es beim Gottesdienst auch mal sehr plötzliche Programmwechsel geben kann, fühlten wir uns gut vorbereitet. Nachmittags konnte jeder frei über seine Zeit verfügen. Die einen genossen die Ruhe unseres Hauses mit Pool, andere erkundeten Lasalle und eine größere Gruppe besuchte die Bamboussaria bei Anduze. Sie beherbergt neben großen Themengärten das größte Bambusgehölz außerhalb Asiens.

  1. / 7. Tag Gottesdienst in Mialet und Rückreise früh am Montag (Foto 11 Gottesdienst am Felsen)

Dieser Gottesdienst findet zum Gedenken an die Verfolgten reformierten Christen im Frankreich des 16.und 17.Jahrhunderts unterhalb des  Museums in Mialet statt. Nach Frühstück und kurzer Busreise trafen wir pünktlich zur Einspielprobe in Mialet ein. Gut weitere 50 Bläser überwiegend aus St.Hippolyte und der Badener Freizeitgruppe bildeten zusammen mit uns den Posaunenchor, der den 2stündigen Gottesdienst begleiten würde- im Wechsel mit der elektron. Orgel sowie dem Chor. Ich war schon etwas froh, „nur“ Bläser zu sein bei den spontanen Änderungen im Liederablauf. Aber wirklich bewundernswert die Ruhe und der Humor, mit der uns Michael durch den Gottesdienst führte- über 25 Psalmen und Lieder und ein kräftiger Gesang dort am Felsen in Mialet, so wie im 17.Jahrhundert. Die Fotos glichen den Gemälden, die wir im Museum gesehen hatten. Ein Prediger in einem alten Weinfass und überall saßen Jung und Alt versammeltet am Felsen und den Worten lauschend. Eine Stimmung und ein gemeinsames Beten und Psalmen – Singen, die sehr berührten.

(Gruppe kurz vor der Rückreise)

Das alles blieb den Sonntag über und während der langen Rückfahrt noch in uns. Davon  zehren wir noch heute und können jedem nur empfehlen, beim Urlaub in Südfrankreich am ersten Septembersonntag in Mialet vorbeizuschauen .Irgendwann passierten wir die deutsche Grenze und das Hetzen und Rasen war wieder da…

Mehr im Fotoalbum unter: www.blaeserarbeit.reformiert.de  ( ein Reisebericht von Helga Hoogland)

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